Politcamp 09 – Ein Rückblick

Ben,

Am zurückliegenden Wochenende fand zum ersten Mal das Politcamp in Berlin statt. Ein Barcamp für Politik im Netz (und weniger, aber auch über Netzpolitik), zu der auch einige bekanntere Parteivertreter ihr Erscheinen angekündigt haben. Mit dem Radialsystem (direkt an der Spree gelegen) als Location, frühsommerlichen Temperaturen, Welcome-BBQ und der Wahl.de-Party am Samstag stimmte schon mal der Rahmen.

Der Teilnehmerkreis war insgesamt bunt gemischt: Neben den bereits angesprochen Politikern, fanden sich noch einige Agenturen, viele normale Parteimitglieder, Medienvertreter und genügend Webaktivisten im Publikum. Grundlage für eine fruchtbare Veranstaltung.

Über Parteien unter sich…

Meine größte Sorge im Vorfeld war, dass sich die einzelnen politischen Lager untereinander behaken und nicht wirklich offen über Möglichkeiten, Strategien und Potenziale gesprochen wird. Im Gegensatz zu normalen Barcamps ist auf dem Politcamp die Bereitschaft sich untereinander zu helfen etwas geringer ausgeprägt. Das “Geben und Nehmen”, wie es eigentlich in der Blogosphäre üblich ist, steht im Gegensatz zu dem vitalen Interesse der Parteien, bei der nächsten Wahl einen maximalen Stimmanteil zu erreichen. Bis auf wenige Ausnahmen, in denen (vor allem über Twitter) schon die ersten Wahlkampf-Auswüchse zu beobachten waren, war der Umgang untereinander aber offen und fair.

…Parteien im Netz…

Vielmehr tat sich in Ansätzen eine Konfliktlinie entlang von Parteiaktiven und Nicht-Parteiaktiven auf. Erstere sind natürlich überzeugt von ihrer jeweiligen politischen Heimat, letztere oftmals mit einer gewissen Grundskepsis, bzw. generellen Abneigung gegenüber (Partei-)Politik ausgestattet. Dies zeigte sich nicht nur an expliziten Themen wie der Netzzensur (wobei hier die CDU-SPD -Regierung in der Kritik steht, aber immer über “die Politik” gesprochen wird), sondern auch am grundsätzlichen Verständnis für die Positionen des Anderen.

So wurde polemisch-lustig gefordert, Parteien ganz abzuschaffen oder etwas ernsthafter festgehalten, dass 20 Minuten des Politcamps gereicht hätten um zu begreifen, dass es auch 2009 keinen Online-Wahlkampf geben würde. Im Gegenzug wehrten sich natürlich “Die Parteien”, indem immer auf den elitären Elfenbeinturm der Netz-Avantgarde oder eine Unrelevanz des Internets die Wichtigkeit des Nicht-Internet-Wahlkampfs hervorgehoben wurde.

Im Kern ist da jeder eitel: Blogger und Twitterer wollen gehört und ernst genommen werden. Das Internet hat die Gesellschaft bereits nachhaltig verändert und die Transformation dauert auch noch weiterhin an. Über Blogs oder einen Google-Service lässt sich aber kein Staat steuern. Auch wird Politik nicht automatisch transparent, bürgernah, interessant oder (das wichtigste) animiert Menschen zum Einmischen, nur weil man auf einmal Inhalte im Netz kommentieren kann. Die Parteien wollen sich deshalb nicht als zukunftsloses Konzept von gestern abgestempelt wissen, sondern sind – meiner Meinung nach – bereit für Öffnung und Veränderung (die einen mehr, die anderen weniger). Das dies aber nicht so schnell geht, wie sich Manche in der Szene wünschen hat historische Gründe, die man auch nicht einfach Beiseite wischen kann und sollte. Diese Konflikte ausführlicher zu benennen und zu erörtern hat etwas gefehlt, zu schnell wurde entweder auf Verteidigung oder (Gegen-)Angriff geschaltet.

…verpasste Chancen…

Schade, verpasste man oftmals dadurch die Möglichkeit gemeinsame Ziele und einen möglichen Weg dahin zu finden. Geschuldet war dies aber auch den einzelnen Sessions, die sich besonders am Samstag vornehmlich an der Oberfläche bewegten und fast immer nur auf Twitter zu sprechen kamen und sich darin verloren. Auch wenn ich Twitter gerne und intensiv nutze, so muss doch nicht in solch einem Ausmaße über einen 140-Zeichen-Dienst gesprochen werden, den in Deutschland rund 50.000 Menschen nutzen.

Viele hatten sich mehr erhofft, als die Präsenz auf Facebook, Twitter und YouTube als (erfolgreiche) Politik 2.0 vorgesetzt zu bekommen. So schnellte zwar der Obama-Counter mehr und mehr in die Höhe, aber wirklich ergiebig (egal ob man mehr an der Meta-Ebene oder konkreten Werkzeugen interessiert war) wurde es selten.

…deren Ursachen…

Dabei hatten die Veranstalter eigentlich mit dem Konzept des Barcamps die offenste Veranstaltungsart ausgewählt und den richtigen Rahmen gesetzt. In dieser Offenheit liegt aber auch die Schwäche, dass hochkarätige Panels mit gewissem inhaltlichen Anspruch eher selten zu Stande kommen. Und so waren sowohl die Twitter-Runde (mit Volker Beck MdB) am Samstag und auch die Elefantenrunde am Sonntag (mit Kajo Wasselhövel) im Vorfeld organisiert worden und die Teilnehmer überwiegend (ausschließlich?) auch nur explizit zu diesen Panels vor Ort. Hier kann vielleicht beim nächsten Jahr noch die ein oder andere im Vorfeld organisierte Session ergänzt werden.

Daneben war aber auch der Teilnehmerkreis sehr heterogen: Technik-Nerds, politische Netz-Strategen, Agenturinhaber, Journalisten, Webaktivisten und die Politiker, die nachher alles in die Tat umsetzen sollen eint vielleicht eine ähnliche Grundeinschätzung des Mediums Internets. Aber während die einen über APIs und SSL, die anderen über soziodemographische Zielgruppen diskutieren, wollen andere konkrete Werkzeuge erarbeiten und noch andere einfach nur wissen, was sie wo tun sollen.

Dies führt im Resultat dazu, dass spannend klingende Panels sich nachher als Einführungsveranstaltung, Werbeblock, Technik-Diskurs oder Grundsatzdiskussionen entpuppen und der Großteil der Teilnehmer enttäuscht die Session am Ende wieder verlässt. Will man also alle Formen (die durchaus ihre Berechtigungen haben) anbieten, so muss dies sicherlich anders organisiert und auch gekennzeichnet werden. Wobei ich der grundsätzlichen Ansicht bin, dass ein solches Camp keine Schulungsveranstaltung ist und man sich im Vorfeld schon mit der Thematik und den gängigen Werkzeugen auseinandergesetzt haben sollte.

…und die Wichtigkeit des Politcamps.

Meckern kann man immer viel und es fällt auch leichter, als die positiven Aspekte zu erwähnen. Und von denen gab es in der Tat nicht wenige. Nicht nur ein paar wirklich gute Sessions, vor allem die Tatsache, dass sich Politiker mit Netzaktiven zwei Tage zu einem Austausch getroffen haben, war ungeheuer wichtig und hat vielleicht etwas zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. Auch wenn sich für mich nicht viele neue Erkenntnisse ergeben haben, so war doch vielleicht für einen größeren oder kleineren Teil sinnvoll, einmal den Nutzen oder die Funktionsweise von Facebook oder Twitter erläutert zu bekommen. Und nicht zu vergessen: Das Kennenlernen und Vernetzen am Rande solcher Camps bringt immer etwas ergiebiges, wenn man offen auf die Menschen zugeht.

Mein Dank gilt deshalb den Veranstaltern, das Politcamp war unbedingt notwendig. Wie man bereits vor Ort gehört hat, soll es 2010 in Bonn eine zweite Auflage des Camps geben*. Betrachtet man sich die Entwicklung der Re:Publica, wird sich wohl auch das Politcamp nochmal kräftig vergrößern können. Ich begrüße auf jeden Fall das Vorhaben, weitere Politcamps zu veranstalten und will auch gerne meinen Teil dazu beitragen, dass nächste Politcamp von den ersten Kinderkrankheiten zu befreien und zu verbessern.

*Kurzes Update: Dass das Politcamp 10 in Bonn vor den Landtagswahlen in NRW stattfinden soll, klingt zwar logisch und wahr mehrfach zu hören, stellt sich aber gerade als Gerücht (oder besonderer Wunsch?) heraus. Valentin, der (Haupt-)Veranstaler, wusste davon schon mal nichts. Und er sollte es ja eigentlich wissen. Zwar wurde erst per Twitter Verwunderung gezeigt (und keine generelle Ablehnung), aber im Resümee der Veranstalter wird nun wieder von NRW als Austragungsort für das Politcamp 2010 gesprochen. Vielleicht zwar nicht in Bonn, aber das Bundesland stimmt. Wir sehen uns also 2010 hier!

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