Wissenschaft trifft Politik trifft Netzgemeinschaft – Der Münte-Talk

Die NRW School of Governance hatte heute Franz Müntefering zu einem Talk über die Stärkung der Demokratie geladen. Müntefering sollte sich aber nicht nur den Fragen von Prof. Karl-Rudolf Korte und den Studenten vor Ort stellen, der sogenannte “Münte-Talk” war multimedial angekündigt und ausgelegt: Via YouTube-Videos sollten bereits vorher Fragen eingeschickt werden, die Veranstaltung wurde per Livestream ins Netz übertragen und immer mal wieder sollten per Twitter gestellte Fragen von Müntefering beantwortet werden.

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Für eine Universität und auch für den (bekennenden) Offliner Müntefering ein gewagtes bis revolutionäres Konzept, bei dem natürlich auch nicht alles glatt lief.

Eine klassische Veranstaltung…

80% der Veranstaltung wurden auf klassische Art und Weise abgespult. Professor Korte stand vorne, stellte Müntefering verschiedene Fragen zu drei größeren Themenbereichen (Globalisierung und Wirtschaftskrise, Parteien und Partizipation, Jugend und Medien) mit dem Querschnittsthema „Demokratie” und bekam darauf zumeist ausschweifende Antworten. Mal interessante, mal schlechtere. Ganz nach Müntefering-Manier blieb es nicht nur bei einer Fußball-Metapher und auch nicht bei nur einer SPD-Anekdote. Gegen Ende verlief sich Müntefering allerdings etwas zu sehr im Wahlkampf-Geplänkel und die Veranstaltung zog sich etwas hin.

…trifft auf das Netz

Korte scheint bei der von Markus Kavka moderierten ZDF Veranstaltung “Wahl im Web”, gefallen am Medium Twitter gefunden zu haben und setzte deshalb im Vorfeld der Veranstaltung geballt auf das Netz. Interessant war zu sehen, wie die Einbeziehung dieser Inhalte praktisch vollzogen worden ist.

Fragen per YouTube

Die Resonanz der Videofragen war scheinbar nicht so hoch wie erhofft. So fällt auch ein bestimmter YouTube-User etwas auf, der direkt mehrere Fragen von unterschiedlichen Personen (aber in den gleichen Räumlichkeiten) hochgeladen hat. Da ich auch in Duisburg studiere, erkenne ich das ein oder andere Gesicht wieder.

Den Aufbau eines Grundstocks an Video-Fragen finde ich nicht verwerflich, allerdings muss man dies erstens transparent darstellen. Darüberhinaus wäre es auch sicherlich möglich gewesen, im Rahmen diverser Vorlesungen am Ende ein paar kurze Aufnahmen mit der Kamera zu sammeln und so “echte” Fragen zu erhalten, statt (ehemalige) Dozenten oder Mitarbeiter vor die Kamera zu stellen.

Einbeziehung von Twitter

Technisch hatte die NRW School gut vorgearbeitet: Ein Livestream war vorhanden, ein Hashtag war angekündigt und eine Twitterwall im Vorlesungssaal aufgebaut. Aber die Tücken stecken bekanntlich in den Details.

Der LiveStream war auf RealPlayer-Basis und bereitete so einigen Problemen. Auch ein paar Streamaussetzer waren zu beklagen. Üblicherweise nutzt man hier lieber einen der bekannten Dienste, die auf Flash-Player und eine fixe URL setzen und meistens die Veranstaltung sogar noch aufnehmen.

Zumindest am Anfang des Münte-Talks funktionierte die Twitterwall, die dann aber nach kurzer Zeit ausfiel. Das hatte aber wohl eher technische Gründe (hoffentlich), denn die mit #muentetalk gekennzeichneten Kommentare lieferten keinen Grund zu einer Zwangsabschaltung – ganz im Gegenteil.

Leider fehlte komplett ein Coporate-Twitteraccount, der organisatorische Informationen hätte geben können und auch entsprechende Fragen beantwortet hätte. Die mangelnde organisatorische Begleitung mündete teilweise in leichten Verwirrungen, da man auch nie wirklich wusste wann und wieviele Fragen denn zu welchem Thema nun Müntefering gestellt werden.

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Verbesserungsfähig ist auch die konzeptionelle Einbindung des Rückkanals Twitter in solch ein Veranstaltungskonzept. Am Ende jedes Themenblocks durfte ein Student  kurz den aktuellen Stand der Twitter-Diskussionen zusammenfassen und leitete daraus eine(!) Frage ab, die Müntefering entsprechend beantwortete. Manchmal habe ich mich auch wirklich gefragt, ob ich scheinbar ganz andere Tweets gelesen habe – die Zusammenfassung konnte ich nicht immer teilen. So wurden viele Kommentare und Fragen zu einem Statement komprimiert, dass mit entsprechender Länge von Müntefering beantwortet worden ist.

Diese Art steht im krassen Gegensatz zur Funktionsweise von Twitter, schon alleine weil es auf 140 Zeichen begrenzt ist. Hier wäre eine “Lightning-Round” (wie Oliver Zeisberger es nennt), die passende Art und Weise gewesen, das Medium Twitter einzubinden. Kurze Fragen und kurze Antworten von Müntefering. So bleibt das Gefühl, dass eigentlich keine Twitter-Frage so richtig beantwortet worden ist.

Müntefering – der Offliner.

Inhaltlich outete es sich Müntefering als knallharter Offliner. Die Online-Arbeit wird von seinem Team, bzw. der Parteizentrale übernommen. Müntefering verkauft dies als Authentizität, wenn er die neuen Informationskanäle nicht nutzt. Diese Ansicht kann man teilen, allerdings sollte man ein Grundverständnis für die veränderte Art und Weise, wie und wie schnell Informationen verbreitet werden entwickelt haben.

Bei Müntefering bin ich mir da nicht so sicher, zu sehr fokussierte er sich auch auf die klassischen Medien, wie TV-Talks und Tageszeitungen. Wenig ging er deshalb auf entsprechende Fragen ein, die auch vom Publikum vor Ort gestellt worden sind. Zumindest einmal nahm er (wenn auch kurz) konkret Stellung zum Fall “Kraft vs. Ruhrbarone” und verteidigte das Vorgehen von Hannelore Kraft. Die anderen Teile der Frage (Netzsperren, Vorratsdatenspeicherung) ignorierte er komplett.

Wenn ein SPD-Vorsitzender in diesen Tagen über Demokratie und politische Beteiligung spricht, hört man natürlich auch genauer hin. Nun lautete das Querschnittsthema ausgerechnet “Demokratie” und man hätte am liebsten die ganze Zeit in den Raum ein paar passende Kommentare zum jüngsten Verhalten der SPD gerufen. Was per Twitter natürlich erfolgt ist, Müntefering aber nie erreichte. Dieser klammerte sich im Rahmen der “politischen Beteiligung” an die Organisationsstruktur “Partei”. Wenn man etwas bewegen will, müsste man Mitglied werden, sich engagieren, Kompromisse finden, sich zur Wahl stellen. Keine Worte dazu, die Parteien zu öffnen, andere Formen der Mitarbeit zu finden und Impulse von außen aufzunehmen. Müntefering beschrieb eher eine Partei aus dem Jahre 1909, denn aus dem Jahr 2009.

Korte versuchte hin und wieder Müntefering inhaltlich zu stellen und fragte beispielsweise nach einer Zusammenarbeit mit den Piraten. Münteferings arrogante Antwort dazu:

“Die ziehen eh nicht in den Bundestag ein”.

Damit mag er zwar Recht behalten, allerdings ist dies keine Art und Weise sich mit politischen Anliegen vieler Menschen konstruktiv auseinanderzusetzen.

Was bleibt

Schlussendlich ein interessante Veranstaltung der NRW School, bei dem es noch etwas konzeptionellen und organisatorischen Optimierungsbedarf gibt. Natürlich – alles andere wäre bei solch einer Art Generalprobe auch mehr als ungewöhnlich.

Spannend wird es allerdings erst, wenn man dieses Konzept auf einen netzerfahrenen Politiker anwendet. So überwog der Respekt, Müntefering nicht mit zu viel Twitter & Co. zu behelligen, da dieser sich auch offensichtlich wenig mit den dort gestellten Fragen beschäftigen möchte oder kann.

2 Kommentare

  1. Stimme deinem Beitrag zu über 90% zu!

    Die Veranstaltung hätte viel mehr Potential gehabt! Wenn man eine solche Veranstaltung, mit youtube, twitter (und twitterwall), etc. ankündigt, dann muss man das auch halbwegs vernünftig umsetzen! Schließlich haben sich nun viele (eigentlich alle) user vergebens mit ihren Videos und twitts beteiligt!

    Das Müntefering arrogant erschien, kann ich eigentlich nicht sagen. Er denkt da – glaube ich – in ganz anderen Strukturen und zielt er auf (Politische-)Strategien ab und verbindet mit der Piratenpartei keine „politischen Anliegen vieler Menschen“, sondern hat das ganze wohl ehr für einen Scherz von Prof. Korte gehalten (mein Eindruck!).

    Zudem waren die Fragen aus dem Saal schon rein von der Rhetorik her grauenhaft! (die Frage zu den Netzsperren mit einer rechtlichen Auseinandersetzung von Frau Kraft in Verbindung zu setzt, war zudem einfach nicht klug)

    Gruß
    Marc

    • Ben

      07.07.2009 um 18:17

      Moin Marc,

      ich bezog das „arrogant“ auch auf genau die eine Antwort bzgl. der Nachfrage zur Piratenpartei. Vielleicht hast Du recht und er hat es für einen Scherz gehalten, dass macht es aber nur umsoschlimmer. Ansonsten weiss Münte natürlich durchaus sympatisch aufzutreten – keine Frage.

      Die Frage aus dem Saal habe ich auch eher allgemeinpolitisch verstanden. Nach dem Motto: „Netzsperren, Vorratsdatenspeicherung, Blogger-Abmahnungen – wie demokratisch ist die SPD überhaupt?“. Demnach waren das nur drei Beispiele von vielen, die man zur Illustration der Frage hätte nehmen können. Das dann auf den Kern der Frage gar nicht eingegangen wird, ist dann großes Politiksprech.

      Grüße
      Ben

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