Hausvernetzung mit digitalSTROM

Das Thema Smart Home, also die Vernetzung der eigenen vier Wände, begeistert mich schon seit einiger Zeit. Für die meisten Systeme musste man bislang jedoch entweder ein prall gefülltes Konto oder ein umfassendes Elektrotechnik-Studium aufweisen können.

Im vergangenen Jahr tauchten dann nach und nach Produkte auf, die sich nicht nur in bezahlbare Gegenden bewegten, sondern auch einfacher nachzurüsten sind. Und so war ich schon drauf und dran, mir WEMO-Adapter von Belkin zu bestellen, die Steckdosen via W-LAN steuerbar machen. Ein anderes Angebot, über das ich bereits damals gestolpert bin, ist digitalSTROM. Als ich nun erfuhr, dass die aizo ag, die hinter digitalSTROM steckt, eine Niederlassung und auch eine Musterwohnung in Mittelhessen hat, schrieb ich spontan den offiziellen digitalSTROM Twitteraccount an. Und wie es so kommt, wurden Christian und ich kurzerhand zu einer privaten Führung mit aizo-CEO Martin Vesper eingeladen.

digitalStrom Haus

Quelle: aizo ag

Der erste Rundblick in der Musterwohnung fällt recht ernüchternd aus. Zu sehen gibt es zunächst fasts nichts, außer eine schick eingerichtete Wohnung. Im Gegensatz zu vielen anderen Smart Home-Lösungen, sind die digitalSTROM-Bauteile auf den ersten Blick nicht sichtbar. Der Steuerungschip steckt jeweils in einer kleinen Lüsterklemme. Die Besonderheit bei digitalSTROM ist, dass einzelne Geräte und nicht grundsätzlich nur die Steckdosen vernetzt werden. Dafür muss die Klemme an dem jeweiligen Gerät direkt installiert werden. Was bedeutet, dass man an einigen Geräten die Kabel zerschneiden und die Klemme zwischen die Kabelenden setzten muss. Keine schöne Vorstellung. Bei aizo hofft man deshalb auch darauf, dass zukünftig Unternehmen gefunden werden, die von sich aus den kleinen Chip  in ihren Geräten verbauen. Die einzelnen Geräte direkt zu vernetzten hat aber einen riesigen Vorteil, der den martialistischen Einsatz wieder wett macht: Man richtet eine Logik für ein Gerät ein und diese bleibt immer bestehen, egal in welchem Zimmer man dieses anschließt. Selbst nach einem Umzug braucht man das System nicht von Grund auf neu konfigurieren. Durch den in den Klemmen enthaltenen Chip erhalten die Geräte eine jeweils eindeutige Adresse im digitalSTROM-System.

digitalStrom Klemmen

Quelle: aizo ag

Hier kann CEO Vesper direkt mit einem eindrucksvollen Beispiel aufwarten. In der Musterwohnung ist auch die Haustürklingel mit dem System verknüpft und so gehen Mixer oder Staubsauger automatisch aus, wenn es an der Eingangstür klingelt. Ein anderes Beispiel ist, dass die Wohnzimmerbeleuchtung automatisch gedimmt wird, sobald man den Fernseher einschaltet. Und bei Feueralarm blinken alle Lampen in der Wohnung  und die Stereoanlage spielt laute Musik ab. In dieser Form lassen sich unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten kreieren. Die Logiken muss man sich übrigens nicht zwangsläufig selbst überlegen. So wurden von den Entwicklern mögliche Szenarien für alle Geräte entworfen, die bereits aktiviert sind.

Ein besonders großer Pluspunkt ist die Offenheit des digitalSTROM-Systems. Auch fremde Smart Home Produkte, wie die Philips Beleuchtung Hue, lassen sich in digitalStrom einbinden. Dadurch, dass Philips Hue auf diese Weise auch mit anderen Geräte interagieren kann, gewinnt die Beleuchtung einen echten Mehrwert.

Außerdem lassen sich die mit digtialSTROM vernetzten Geräte per Texteingabe steuern. Auch dies öffnet viele Anwendungsmöglichkeiten. So kann man über den Automatisierungsdienst ifttt.com Befehle an die Anlage schicken. Wenn IFTT vor Regen warnt, könnte bspw. automatisch die Markise auf dem Balkon eingefahren werden. Über eine App, wird es zukünftig außerdem möglich sein, das gesamte System mit Spracheingaben zu steuern. Zurückgegriffen wird dabei auf den Google Now-Sprachalgorithmus, was beim Test in der Musterwohnung erstaunlich gut funktioniert. So könnte man seiner Wohnungselektronik zukünftig zurufen, dass man in 20 Minuten an den Beginn der Tagesschau im Fernsehen erinnert werden möchte. Dafür könnte das System automatisch nach 20 Minuten den Fernseher starten oder eine Weckermelodie über die Stereoanlage abspielen oder die Beleuchtung im Raum blinken lassen, oder, oder…

Schön finde ich auch die Möglichkeit, mit einem doppelten Tastendruck am Schalter der Nachtischlampe, die Kaffeemaschine in der Küche zu starten. Gleichzeitig lässt sich die gesamte Wohnung aber auch völlig normal nutzen, d.h. Besucher oder Familienmitglieder, die das digitalSTROM-System nicht nutzen wollen, müssen nichts spezielles beachten.

digitalStrom Sicherungskasten

Quelle: aizo ag

Herzstück der Anlage ist der digitalSTROM-Server, der im Sicherhungskasten eingebaut wird. Das Gute daran ist, dass die Bauteile im Schaltkasten zwischen die bestehenden Elemente geklemmt werden können. Es muss nicht aufwändig neues Kabel verlegt oder der Sicherungskasten komplett umgebaut werden. Dadurch ist es möglich, das System bei einem Umzug relativ schnell wieder zu entfernen und in einer anderen Wohnung neu zu installieren.

Notwendig ist jedoch ein LAN-Anschluss am Sicherungskasten, was in vielen Wohnungen ein Problem darstellen wird. Neben dem verlegen von Kabel kann zum Teil aber auch ein DLAN-Adaper die mögliche Lösung sein. Das digitalSTROM-System kommuniziert selbst ebenfalls über das 230 Volt Stromnetz mit den Geräten. Dadurch ist die Störgefahr deutlich geringer, als über WLAN. Ein Filter, der zusammen mit dem digitalSTROM-Server installiert wird, sorgt für den Schutz und die Verbesserung der Kommunikation über das Stromnetz.

Durch die Installation im Sicherungskasten erfüllt digitalSTROM zudem die Funktionen eines Smart Meter. Über das Dashboard, das sich am Rechner aufrufen lässt, kann man sowohl den aktuellen Stromverbrauch betrachten, als auch den bisherigen Verbrauch verfolgen. Es handelt sich also auch um einen intelligenten Stromzähler.

Um nun abschließend zur für viele wichtigsten Frage zu kommen: Was kostet es seine Wohnung mit digitalSTROM auszustatten? Die Grundaustattung für den Sicherungskasten schlägt mit 1.092 Euro zu Buche. Die einzelnen Klemmen kosten zwischen 69 und 79 Euro. D.h. um eine 4-Zimmer-Wohnung vollständig zu vernetzten ist eine Investition von etwa 3.500 Euro notwendig. Eine Menge Geld, aber noch immer günstig im Vergleich zu anderen halbwegs vergleichbaren Systemen. Hinzu kommen noch die Kosten für den Elektriker, der zumindest die Installation am Schaltkasten vornehmen sollte. Pro Stromkreis lassen sich übrigens 256 Geräte mit digitalSTROM nutzen.

Ich persönlich jedenfalls bin begeistert von digitalSTROM. Mir brummt nach der ausführlichen Führung der Kopf, da ich innerlich schon zig verschiedene Nutzungsszenarien im Kopf durchspiele. Auch die Investitionskosten schrecken mich nicht grundsätzlich ab, wenn man überlegt, was man ansonsten für Hausautomatisierung auf den Tisch legen muss. Jedoch habe ich weiterhin das Gefühl, dass digitalStrom vor allem in Neubauten alle seine Vorteile ausspielt. Bei mir zu Hause scheitert das Ganze schon am fehlenden LAN-Anschluss am Sicherungskasten. Würde ich gerade ein Haus bauen oder eine Wohnung renovieren, wäre das System schon gekauft. Trotzdem wird sich erst noch zeigen müssen, ob digitalSTROM zukünftig auch den Massenmarkt erreicht oder ob es hauptsächlich technikbegeisterte Menschen sind, die einen Vorteil  in der Heimvernetzung sehen.

Wir bedanken uns recht herzlich für die Einladung bei der aizo AG und insbesondere bei aizo-CEO Martin Vesper, der sich eine Menge Zeit für uns genommen und bereitwillig alle unsere Fragen beantwortet hat.

6 Kommentare

  1. Klingt verlockend. Bei dem Preis für das System muss man auch überlegen wieviel man evtl spart. Vielleicht gibt es ja Geräte im Haushalt die dadurch weniger oft angeschaltet sind, oder sich im standby-Modus befinden.

    Mich würde noch interessieren, wo die Daten landen. Bleiben die bei mir im Haus? Oder gehen die auch an digitalSTROM raus? Wenn letzteres: warum?

    Und dann würde ich mich freuen wenn ich mir als Entwickler z.b. das, was andere über ifttt lösen, auch lokal bei mir Zuhause laufen lassen kann. Das was ich dann gebaut hätte, könnte ich wiederrum als opensource-projekt anderen Nutzern zur Verfügung stellen.

  2. Ja, durch das Monitoring des eigenen Stromverbrauchs können sicherlich auch einige Sparmaßnahmen ergriffen werden.

    In wie fern Daten an digitalSTROM übertragen werden ist eine gute Frage. Bringe ich noch in Erfahrung.

    In jedem Fall ist es so, dass mit dem System offene Standards verfolgt werden. D.h. du kannst auch als Entwickler eigene Anwendungen schreiben und nutzen. Es gibt sogar eine passende Infoseite: http://www.digitalstrom.org/entwickler/

    • In der Zwischenzeit habe ich jetzt übrigens mit einer Mitarbeiterin von digitalSTROM gesprochen.

      Grundsätzlich würden keine Daten übertragen. Du könntest das System sogar ohne digitalSTROM-Server verwenden. In diesem Fall würden dann natürlich einige Nutzungsszenarien entfallen, beispielsweise der Zugriff auf dein Zuhause von unterwegs.

      Daten werden demnach also nur für Zusatzdienste übertragen. Etwa wenn du deine Verbrauchsdaten mit bidgely.com o.ä. tracken oder die Sprachsteuerung nutzen würdest.

  3. Da musste ich sehr lachen als ich das gestern in den Nerdnews im Chaosradio gehört habe: http://www.smarthacks.de/?p=59

  4. Hallo, wie kommen Sie denn auf den Preis von 3500€?
    Ca. 1100€ für das Bundle und jeweils 80€ für die Klemmen…

    Selbst bei 20 Klemmen wären das ja nicht über 2700€.

    Gruß

    • Hey tommek,

      der Beitrag ist schon 3 Jahre alt – da würde ich den Grund für den Preisunterschied suchen. Obwohl ich 2700€ immer noch für kein Schnäppchen halte :-)

      Viele Grüße,

      Christian

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