Nach den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Frühjahr ist der Terror wieder in Europa angekommen. Während ich die heutige Berichterstattung über die Absagung des Freundschaftsspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden verfolgt habe, sind meine Gedanken immer wieder abgeschweift und ich möchte zwei davon hier festhalten:

1. Sicherheit und Freiheit lassen sich nicht unbegrenzt abwägen

Schon kurz nach den Anschlägen in Paris fanden sich auf Twitter und Facebook Aussagen in zwei diametral entgegen gesetzten Richtungen: „Seht mal, die Franzosen haben die Vorratsdatenspeicherung und trotzdem hat es nichts geholfen“. Oder: „Wir sollten froh sein, dass es nicht schon längst zu Anschlägen gekommen ist, eben weil es kluge Sicherheitsmaßnahmen gibt“.

Die simple Wahrheit ist jedoch, dass das Eintreten eines Anschlages weder etwas über die Anzahl der verhinderten Anschläge verrät, noch über die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen, die ihn möglicherweise verhindert hätten. Die Vorratsdatenspeicherungsbefürworter haben nie versprochen, dass alle Anschläge damit der Vergangenheit angehören. Ebenso wenig ist das andere Ende offen, niemand weiß, wie viele Anschläge mit Sicherheitsmaßnahmen zu beklagen wären, die sich innerhalb der von Datenschützern akzeptierten Grenzen bewegen würden. Weder würden nie wieder Anschläge passieren, noch würden wir bald mehr Anschläge als Lottoziehungen erleben.

Hat man einmal diese grundlegenden Begrenzungen der Argumentationen pro oder kontra Vorratsdatenspeicherung akzeptiert, kann man den Diskussionsrahmen wieder dorthin holen, wo er hingehört: Auf eine rein moraljuristische Ebene. Ist es richtig, die Daten von unbescholtenen Bürgern ohne Richtervorbehalt zu speichern – ja, oder nein? Nicht gemessen an den potenziellen Auswirkungen, sondern an ihrem Wert an sich.

2. Wir holen uns den Terror selbst ins Wohnzimmer

Verglichen mit den Anschlägen vom 11. September in New York leben wir in einer Welt, die vom Terror umgeben ist. Für uns ist Terror alltäglich geworden, nicht nur durch die reine Häufigkeit oder Nähe der Anschläge um uns herum – auch die mediale Aufbereitung von Terror hat ungekannte Maße erreicht. Dabei meine ich nicht mal die Berichterstattung von Attentaten, versuchten, verhinderten oder stattgefundenen. Nein, wir haben den Terror sogar in unsere Freizeit eingeladen, als lässigen Begleiter für den Sofaabend bei Bier und Kartoffelchips mit Serien wie Homeland, 24 oder Sleeper Cell, Filmen wie Batman – The Dark Knight Rises, der Mission Impossible Reihe oder den neueren James Bond Filmen . Es scheint, als hätten wir unterschiedliche Terrorszenarien zur Verfügung, je nach der Stimmung, in der wir gerade sind.

Damit man sich diese Entwicklung einmal bewusst macht, genügt ein Blick in die Zeit vor 2001, als Terror in der westlichen Hemisphäre noch kaum präsent war – wieder sowohl in tatsächlichen Ereignissen weit weg, als auch in der medialen Welt. Der ersten Mission Impossible Film hatte noch alte geheimdienstliche Fehden als Motiv, Terror gab es nur im Zuge der Abrüstungsbemühungen zwischen den alten Blöcken wie in Project:Peacemaker und bei James Bond bedrohten uns Kriege zwischen Nationen wegen falsch gedruckter Nachrichten.

Warum ich das ausführe? Nun, weil es mir selbst erst jetzt bewusst geworden ist, wie normal all der Schrecken für uns geworden ist. Wir sind regelrecht geübt in Mitgefühl und Empörung, im Facebook-Profil-Bild-ändern und Angst haben. Das sind alles gute und richtige Reaktionen, die aber jedenfalls bei mir von einer gewaltigen Abnutzung bedroht sind. Vielleicht insbesondere durch die selbst gewählte Dauerpräsenz des Terrors aus der fiktiven Welt. Was macht es noch für einen Unterschied, ob man bis morgens um 2 vor dem Fernsehen die Live-Berichte aus Paris verfolgt, oder ob man die neue Staffel von Homeland bingewatched?